Auszüge aus dem Manuskript zum Poetry Slam Text „Früchtetee“
Veröffentlicht in: Poetry Slam für Deutschland. Lektora 2010.

Eigentlich müsste ich auf Stelzen schreiten, und so Abstand gewinnen zu dem, was mich runterzieht
Eigentlich müsste ich mir zwischen Mund und Kehle ne Stimmgabel klemmen, um immer den richtigen Ton zu treffen.
Eigentlich müsste ich mir nen Stock in den Arsch rammen, um in jeder Situation noch Haltung zu bewahren.
Eigentlich müsste ich meine Wirbeln verrücken und in die Lücken Selbstvertrauen drücken, um immer Zuversicht im Rücken zu haben.
Eigentlich müsste ich Augäpfel pflücken und Radarbrillen tragen, um immer den Über- und Durchblick zu haben.
Eigentlich müsste ich allen die Zeit rauben, weil mir immer zu allem die Zeit fehlt.
Eigentlich müsste ich, wo das Hirn sitzt, einen Post-its-Block haben, um an alles zu denken.
Eigentlich sollte ich meine Zeit nicht mit dummen Gedanken verschwenden wie: Tumore sind wie gut erzogene Kinder: Still und wachsen von alleine.

Eigentlich müssten meine Beine in sieben Meilen Stiefeln staksen, um mehr Weg zurück zu legen, mehr zu schaffen.
Eigentlich müsste in meinen Adern purer Tatendrang und Speed fließen, weil ich immer, immer zu langsam bin.
Eigentlich müsste ich aufrüsten bis unters Kinn, weil meine Verse mir ständig auf den Fersen sind.


Eigentlich, eigentlich, eigentlich
Aber da bin immer nur ich und meistens reicht das nicht.
Da bin immer nur ich und meistens ist das schon zu viel für mich

Eigentlich müsste ich mir Superlative spritzen, um in allem besser zu sein.
Eigentlich müsste ich mir die Mundwinkel hinter die Ohrläppchen tackern, weil: Delphine und Mädchen lächeln immer.
Eigentlich müsste ich ständig neben mir stehen, um permanent hinter mir her zu räumen.
Eigentlich müsste ich um mich Brotkrumen verteilen, um mehr aus mir rauszugehen und trotzdem noch zurück zu finden.
Eigentlich müsste ich nen Penis haben. Aber nur, um auch mal würdevoll in die Wildnis zu pinkeln.
Eigentlich müsste ich alles in einem sein, wie eine Sitz-geh-legen-heit.
Eigentlich müsste ich Mut verflüssigen, Verstand pulverisieren, eine Prise Risikofreude dazu geben und das dann zu pinken Pillen komprimieren, die ich in Apotheken verkaufe als Mittel gegen Unentschlossenheit: Entscheidung Forte.
Eigentlich müsste mir ne Supermarktkette gehören. Dann würde ich Weisheit in Dosen verkaufen, damit ich die wirklich mal mit Löffeln fressen kann.
Eigentlich müsste ich dann eine Strategie entwickeln, wie ich von 3 Dosen Weisheit, 5 Litern Wasser und 10.000 Sit-Ups am Tag überlebe, um endlich auszusehen wie Heidi Klum.
Eigentlich sollte ich es für erstrebenswert halten, auszusehen wie Heidi Klum.
Eigentlich sollte es mir egal sein, dass ich nicht aussehe wie Heidi Klum.


Eigentlich, eigentlich eigentlich
Aber da bin immer nur ich und meistens reicht das nicht.
Da bin immer nur ich und meistens ist das schon zu viel für mich

Du sagst, ich soll mal runterkommen, langsam machen
Sagst Du
Dass ich auch nur ein Mensch bin und Menschen kleine Brötchen backen
Sagst Du
Und Früchtetee
Sagst Du
Schmeckt auch nur nach nichts
mit ein bisschen Weihnachten