Mahlzeit

Veröffentlicht in DIE ZEIT, 15/N°23


Die Ahnengalerie heißt »Autorentreppe« und führt in den ersten Stock
Wer im Mercier & Camier essen will, muss da vorbei
Die großen Literaten gucken weltentrückt und epochal
In ihren schweren Rahmen sind sie mehr Büste als Bild
Mit ihrem Blick machen sie den Betrachter klein

Ich esse lieber an Küchentischen in Barmbeker Arbeitersiedlungen
wo das Tischtuch aus Plastik und der Charme nicht zu Hause ist
Ich esse in jeglichen Vehikelvariationen der Deutschen Bahn
Esse kalte Pizza in verqualmten Backstage-Katakomben
Esse nackte Scheiben Käse aus dem offenen Kühlschrank

Ich bin hier ein Fehler im Suchbild, den man nicht lange suchen muss
Gleich kommt die gute alte Literatur aus dieser Flügeltür da
und verlangt zu erfahren, was ich in ihrem Flur zu suchen habe
Bringt das Tafelsilber in Sicherheit, die Subkultur kommt!

Die Kellnerin tut so, als wüsste ich, was ich bestelle
Wir zwei sind die Einzigen in unserem Alter hier
Ich will mich immerfort entschuldigen
Die Kellnerin wünscht »viel Vergnügen«, als sie serviert
Sie bringt Dinge, deren Namen ich nicht kenne
und einen Wein, zu dem ich keine Meinung habe
Ich erinnere mich an: Besteck von außen nach innen
Ich erinnere mich an die Serviette im Schoß und die angelegten Ellenbogen
Ich erinnere mich daran, gerade zu sitzen
Hier hängt ein Spiegel, ich kontrolliere meine Haltung:
ein Äffchen am Esstisch, eine Dressur

Draußen hängen die Großen in ihrem Bilderrahmen
Ich hänge als Spiegelbild hier drin und sehe falsch aus
Die Kellnerin fragt »Hat es sich gelohnt?«, als sie abräumt
Ich weiß nicht, wie es geschmeckt haben sollte, also sage ich gut
Sind wir ehrlich: Das auf meinem Teller ist umsonst gestorben

Die Wahrheit ist: Zu Hause gab es auch Silberlöffel
Und einen Familienpatriarchen, den man beim Nachnamen rief
Und einen Raum, der hieß »Bibliothek«
In dem prangten große Namen auf den Rücken der Bücher
Und beim Lesen schlug der Patriarch mit dem Siegelring
leise gegen das Cognacglas in seiner Hand
Aber vor dem Essen wünschte man »guten Appetit«, statt »viel Vergnügen«
Und der Patriarch sprach bei Tisch mit vollem Mund
Es gab eine Zugehfrau, die hieß Karin
Und Karin machte das beste Gulasch der Welt
Das ist lange her und der Patriarch lange tot

Ich ertappe mein Spiegelbild bei einer Grimasse
Draußen hängen die Großen mit Gesichtausdrücken für die Ewigkeit
Der Vorteil an einem Spiegel ist, dass man aus dem Bild treten kann
Vielleicht komme ich später wieder
Wenn ich groß genug bin für die Ahnengalerie